Jeder Mensch hat das unveräußerliche Recht auf einen harmlosen, für Außenstehende aber auch völlig unverständlichen Spleen. Ich nehme dieses Recht wahr, indem ich eine geradezu obsessive Vorliebe für verschiedene Cereals (altdeutsch: Frühstücksflocken) hege. Streng genommen gehört das Thema natürlich in den privaten Bereich. Aber ich muss ja nicht immer Mystery Man spielen.
Als überzeugter Europäer hege ich natürlich eine besondere Vorliebe für das ursprünglich schweizerische Müesli, das gemeinsam mit schweren Bierkrügen (Deutschland), langen Weißbroten (Frankreich) und seltsamen Maßeinheiten (Vereinigtes Königreich) Europa eigentlich erst ausmacht, da kann Giscard d'Estaing so viele Verfassungen schreiben, wie er will.
Allerdings, so informiert die Website der Firma Seitenbacher, ist das schweizer Müesli des Dr. Bircher weit entfernt von dem, was in Deutschland heute so als Müsli verspachtelt wird:
„Das Schweizer Bircher Müesli ist eine gutschmeckende Art Apfelmus bzw. Sauce mit gezuckerter Kondensmilch, etwas eingeweichten Haferflocken und Zitronensaft. Es ist eine Vollwertdiät, die eher als Abendmahlzeit gedacht war. Der Schweizer Arzt Maximilian Oskar Bircher-Benner hatte um 1900 damit gute Erfolge bei seinen Patienten erziehlt. [...]
Seitenbacher begann Ende der 70er Jahre mit einer anderen Form von Getreidekost, nannte sie nicht Müesli (was soviel wie Mus oder Sauce bedeutet) sondern MÜSLI (ohne e) als Wortschöpfung für kräftige auf großen, schönen Getreideflocken basierende, sehr gesunde Frühstückskost.
Seitenbacher MÜSLI ist eine deutsche (bzw. schwäbische) Erfindung, wenn man so will. Es wird nicht 12 Stunden eingeweicht, sondern muss bewusst gekaut werden, damit die Zähne was zu tun haben und die Verdauungssäfte bereits im Mund angeregt werden. Das bewirkt eine schnellere Sättigung und man nimmt nicht so viele Kalorien zu sich.
Es wurde großer Wert darauf gelegt, dass es optisch eine schöne, vielfältige und ausgewogen Mischung wird. Seitenbacher MÜSLI ist für Jedermann (nicht nur Patienten) mit dem Ziel der Vorbeugung vor Zivilisationskrankheiten.
Als Frühstück deshalb, weil der Tag gesund gestartet werden sollte. Es sollte auch schnell und problemlos zubereitet werden können, im Hinblick auf die Entlastung berufstätiger Mütter.
Es wurde damals bewusst auf Zuckerzusatz verzichtet, da man schon der Meinung war, dass zuviel Zucker (Saccharose) den Blutzuckerspiegel schnell ansteigen lässt.“
Schöner kann ich das auch nicht sagen, und die Firma Seitenbacher stellt tatsächlich ganz hervorragende Müslis her. Da sitzen offenbar Leute, die den Müsli-Markt genau beobachten und buchstäblich hunderte von Sorten für jeden Geschmack kreieren. Viele Sorten sind erfreulicherweise nussfrei und liegen deshalb nicht so schwer im Magen.
Mein Favorit ist das Müsli #311 (Spezial-Mischung II) der Firma Seitenbacher. Diese Variante ist nussfrei, voller Cornflakes und enthält wenige Rosinen. Interessanterweise musste ich erst bis in den äußersten Westen Europas reisen, um dieses Müsli zu entdecken: Auf La Palma gibt es jede Menge Seitenbacher-Müslis, was zu den meisten dortigen Touristen passt (deutsche Nationalität, gutes Einkommen, gesundheitsbewusst, unflexibel in der Wahl ihrer Nahrung). Dort heißt mein Müsli #104. Wobei die Doppelnummerierung eines einzelnen Müslis den Verdacht erregt, dass die vielen hundert Müslisorten eher virtuell existieren.
Andererseits ist das Angebot auch abzüglich der Doppelbezeichnungen schwer zu überschauen. Als Orientierungspfeiler gibt es deshalb Klassiker wie das Müsli #030 (Frühstücksmüsli). In der Seitenbacher-Interpretation ist diese vermeintlich unspektakuläre Mischung ziemlich ungewöhnlich und sehr lecker. Auch hier verzichten die Müsli-Designer auf Nüsse (viel zu schwer, so früh am Morgen), dafür gibt es kleine Weizenvollkornbällchen, Soja, viel Leinsamen und Sonnenblumenkerne.
Auch sehr lecker ist das Müsli #721 (Verwöhner-Mischung), das für Liebhaber von getrockneten Beeren ideal ist: Außer Himbeeren, Johannisbeeren und Brombeeren sind noch Äpfel, Rosinen und verschiedene Flocken drin. Ähnlich schlicht wie die Spezial-Mischung II und genauso wirkungsvoll.
Noch schlichter ist nur das Müsli #815 (Vollbiologische Mischung): Getreide, Mandeln, Rosinen, fertig. Wegen des gelungenen Mischungsverhältnisses trotzdem sehr zu empfehlen. Die Vollbiologische Mischung gehört nach der mysteriösen Seitenbacher-Taxonomie nicht zu den Bio-Müslis im engeren Sinn, die in glänzendem Aluminium statt in durchsichtigem Plastik ausgeliefert werden. In diesem exklusiven Segment habe ich das Müsli #514 (Bio-Basis-Mischung) und das Müsli 538 (Bio-Wald-Mischung) ausprobiert. Ersteres konkurriert mit der Spezial-Mischung (bietet aber weniger Cornflakes), letzteres kann als Luxus-Variante der Verwöhner-Mischung durchgehen.
Wer es ausgefallener mag, muss zu den richtig teuren Sorten greifen. Für Leute wie mich, die keine Süßigkeiten mögen, bietet sich Müsli #348 (Ballaststoff-Mischung) an: Auf einer soliden Getreidebasis entwickeln getrocknete Äpfel und verschiedene Beeren ein sehr kräftiges, fruchtiges Aroma – unterstützt von einem Hauch Mandeln Kürbis- und Sonnenblumenkernen, flankiert von Kleie und Leinsaat. Ein Gedicht. Das war jetzt vielleicht ein wenig zu lyrisch für eine Muslibeschreibung, aber: Ex abundantia cordis os loquitur. Im Vergleich zur Verwöhner-Mischung schmeckt die Ballaststoff-Mischung deutlich herber.
Weitere rosinenfreie Sorten sind das Müsli #046 (Extra ohne Rosinen), das aber leider ein bisschen fad ist, und das Müsli #479 (Knackige Mischung), das den Verzicht auf Rosinen fatalerweise durch einen extrem hohen Nussanteil auszugleichen versucht. Es liegt sehr schwer im Magen, selbst für vollkorngewohnte Kerndlfresser wie mich.
Müsli #191 (Aktiv-Mischung) ist ein bisschen wie eine Kreuzung aus #311 und #348: Wenig Rosinen und ein paar Cornflakes, dazu getrocknete Äpfel und Beeren, Mandeln und Sonnenblumenkerne. Auf den ganzen Kleinkram (Soja, Leinsaat, Kleie) verzichtet die Mischung. Dafür haben aktive Leute eben keine Zeit.
Wer zwischen einem richtigen Müsli und Flakes (s.u.) schwankt, ist mit dem Müsli #656 (Dinkel-Mischung) sehr gut bedient. Seitenbacher verwendet dafür die hauseigenen Dinkel-Flakes, Ballastoos (gezimtete Dinkel-Chips) und Saltoos (Dinkel-Ringe) und mischt das Ganze mit Datteln, Äpfeln, Erdbeeren, Kürbis-, Sonnenblumen- und Mandelkernen. Ebenfalls: Sehr lecker. Erheblich leckerer jedenfalls als die Dinkelsachen allein. Speziell bei den Ballastoos irritieren neben dem etwas zu starken Zimtgeschmack der komische Name und die Anpreisung als „Dinkel-Spezialität, besonders für Mädels“. Warum Dinkel-Chips Mädchen besser schmecken sollen als Jungen, wird ein Geheimnis der Marketing-Strategen im Hause Seitenbacher bleiben. Wie auch immer: Die Dinkel-Mischung ist noch teurer als die Ballaststoff- und die Aktivmischung.
Um eine Sache mal klarzustellen: Ich arbeite nicht für Seitenbacher, kassiere keine Provisionen und bin auch weder verwandt noch verschwägert mit den Besitzern. Wenn ich es täte bzw. wäre, würde ich mich für die unglaublich schlechte Website der Firma in Grund und Boden schämen. Nicht mal hübsche Bilder der eigenen Müslis gibt es da.
In der Außendarstellung deutlich professioneller ist ein zweiter großer Mitspieler im Kerndl-Markt: Rapunzel. Dieses Unternehmen setzt etwas weniger auf Sortenvielfalt, aber dafür konsequent auf biologischen Anbau. Mir schmecken besonders das Original RAPUNZEL Müsli und das Knuspermüsli. In beiden Sorten ist viel Geröstetes enthalten – das Original-Müsli enthält eine Spur zu viele Rosinen, das Knuspermüsli dafür eine unüberschaubare Menge von teilweise gesüßten Crunchies Flakes und Poppies. Trotz der albernen Bezeichungen schmeckt's. Insgesamt schmecken die Rapunzel-Müslis kräftiger als die leichten Seitenbacher-Kreationen, und speziell das Original-Müsli macht sehr, sehr satt.
Um jeden Verdacht der Einseitigkeit zu entkräften, muss ich natürlich auch die verdienstvolle Firma Allos erwähnen. Sie hat sich ganz auf entlegene Getreidesorten spezialisiert, die sie als Flakes (s.u.) und eben als Müslis anbietet. Mir schmecken am besten das Amaranth-Basis-Müsli und das Amaranth-Wildbeerenmüsli. Hauptbestandteil sind in beiden Fällen gepoppte Amaranth-Körner, ergänzt um etwas geläufigeres Getreide (Hafer/Hirse) und Körner (Sesam/Leinsaat). Beim Wildbeerenmüsli kommen, na – genau: Wildbeeren dazu. Beide lecker, aber noch teurer als die Rapunzel- und Seitenbacher-Produkte. Liegt wahrscheinlich an den hohen Import-Zöllen für Amaranth oder an der DE-ÖKO-001-Kontrollstelle, die ja auch bezahlt werden will.
Ein ganz phantastisches Müesli (in traditioneller Schreibweise) hat Schneekoppe im Programm: Das Cranberry & Dinkel Müesli ist komplett nussfrei und mit relativ wenig Cranberries nicht zu sättigend (ein Problem vieler klassischer Nussmüeslis) und nicht zu süß (eine Schwäche vieler klassischer Früchtemüeslis). Unheimlich lecker. Nachtrag: Bis vor kurzem unheimlich lecker. Im Zuge der Beförderung zum „Vitamin Frühstück Cranberry-Dinkel“ wurden die Cranberries stark aromatisiert und gezuckert, was das ganze Müesli verdirbt. Wenigstens ist das neue Vitamin Frühstück Basis-Müesli einigermaßen in Ordnung, aber das ist ein schwacher Trost.
Auch der tradtionelle Haferflocken-Magnat Kölln bietet Müslis an, wobei die meisten überzuckert oder mit 40% Früchten vollgestopft sind. Als einzig akzeptable Sorte bleibt das Bio Multikorn-Müsli, und selbst das muss noch mit den hauseigenen Bio Multikorn-Flocken verdünnt werden. Ansonsten gebührt der Firma Kölln natürlich jeder erdenktliche Respekt für die verschiedenen Haferflocken-Sorten, die auch Rapunzels Original-Müsli deutlich aufwerten bzw. leichter verdaulich machen.
Nicht unerwähnt bleiben sollten die Trauben-Nuss-Müslis von Aldi und Lidl: Beide schmecken unspektakulär, aber gut. Außerdem sind sie im Vergleich zu den ganzen anderen Kerndlmischungen unheimlich billig.
Außerhalb der alten Welt haben sich die simpleren Flakes gegenüber den komplizierten Müslis durchgesetzt: Getreide wird geplättet und geröstet, fertig. Das Problem des Mischungsverhältnisses ergibt sich nicht oder muss vom Kunden gelöst werden. Der Klassiker – die Maisflocken – werden von zig Firmen angeboten. Auch wenn Kellogg's Cornflakes (vom Cornflakes-Erfinder) einen kleinen Geschmacksvorsprung haben, sind auch andere Cornflakes ganz in Ordnung. Das war vor 15 Jahren noch anders: Damals habe ich die Flakes der Firma Brüggen ausprobiert und bin reumütig zu den überteuerten Flocken von Kellog zurückgekehrt. Heute bieten die großen Discounter Aldi und Lidl mit Knusperone und Little Man Cornflakes akzeptable Alternativen. Auch Seitenbacher stellt Cornflakes her, die zwar etwas fader schmecken als die Konkurrenz, aber dafür völlig zuckerfrei sind.
Interessant wird es bei anderen Getreiden. Kellog's macht auch aus Weizen Flocken (Bran Flakes), zuckert sie aber zuschanden. Sprechen wir lieber von meinen absoluten Favoriten, den Produkten der Firma Nature's Path: Heritage, 8 Grain und Heritage O's sind dermaßen lecker, dass ich sogar das Plural-Apostroph in Heritage O's entschuldige. Der Haken: Sie sind in Deutschland nicht zu beziehen. Auf Anfrage teilte mir eine nette Mitarbeiterin mit, dass es die Cereals auf den britischen Inseln gäbe – aber wann komme ich schon mal auf die britischen Inseln? Vor kurzem hat mir eine noch nettere Kollegin mal eine Packung mitgebracht, aber jetzt ist erstmal wieder Ebbe.
Ein ähnliches Problem gibt es bei Cheerios von General Mills. In den USA sind sie ein Standard wie Cornflakes und werden nicht nur von General Mills, sondern auch von Trader Joe's (Joe's O's) und eben als Heritage O's von Nature's Path angeboten. Joe's O's, die einen Bruchteil der normalen Cheerios kosten, sind mittlerweile in verschiedenen Varianten erhältlich – von den Organic High Fiber Joe's O's kann ich nur abraten (gesüßtes Hundefutter!), Organic Joe's O's schmecken dagegen sehr interessant. In der Schweiz ist vor Jahren ein Joint Venture von General Mills und Nestlé gegründet worden mit dem Ziel, amerikanische Cerealien in Europa zu vertreiben. Und was soll ich sagen: Der Markt für Cheerios war, laut Auskunft von Nestlé, zu klein. Es gibt leider auch keine Restbestände mehr. Kann man sich das vorstellen?
Auch Allos stellt Flakes her, aber natürlich nicht aus simplem Mais, sondern aus Amaranth und Quinoa. Schmeckt beides sehr gut (Quinoa noch eine Spur besser), ist eine willkommene Abwechslung vom ewigen Mais, aber eben wie alles von Allos: sauteuer.
Eine besondere Stellung unter den Flakes nehmen die beliebten Crunches ein – geröstete, gezuckerte Flocken mit Aroma. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich dafür erwärmen kann, aber die Firma Barnhouse hat es geschafft. Mit Krunchy Hafer Pur, laut ursprünglicher Eigenwerbung „zuckerfrei“, was inzwischen ehrlicherweise zum „ohne Kristallzucker“ abgemildert wurde. Tatsächlich ist das Zeug voller Reissirup, schmeckt aber im Verhältnis 1:1 mit normalen Haferflocken trotzdem gut.
Ein dritter Zweig der Frühstücksgetreide-Branche sind die Breie, entweder geschredderte Müslis oder geschredderte Flakes. Hauptsächlich für Babies hergestellt, werden sie mittlerweile nicht nur von mir gegessen, wie ich kürzlich in der Süddeutschen Zeitung lesen konnte. Ernährungswissenschaftler erhoben sofort den mahnenden Zeigefinger wegen Unterversorgung des erwachsenen Organismus. Aber mal ehrlich: Wer ernährt sich denn nur von Babyfutter und wie ungesund wäre das im Vergleich zu reiner Fastfood-Ernährung? Die sollen sich mal schön beruhigen und ein Breichen essen.
An erster Stelle bei Breien steht natürlich die Firma Hipp, der Konkurrenten wie Alete und Milupa nicht den Löffel reichen können. Leider gibt es hauptsächlich Breie, die mit Wasser zubereitet werden und entsetzlich schmecken. Reine Getreidebreie sind: das Bio-Bircher Müesli und Dinkel-Banane. Ersteres schmeckt angenehm fruchtig, sehr sättigend und vielleicht eine Spur zu süß, weshalb ich es gern mit ein paar Kölln Instantflocken verdünne. Dinkel-Banane ist dagegen out of the box ein leckerer und milder Brei.
In unseren Nachbarländern ist die Trennung zwischen Erwachsenen- und Babykost nicht so streng, deshalb wird Brinta von der gleichnamigen Firma in den Niederlanden von allen Altersgruppen gegessen. Es besteht aus geschreddertem Weizen und schmeckt gut.
Einen Sonderstatus unter den Breien hat das britische Nationalcereal Weetabix, bestehend aus Weizenkrümeln mit Malz. Ein Klassiker, der angeblich von der gesamten königlichen Familie gefuttert wird. Tatsächlich ist es erstaunlich, dass die britische Lebensmittelindustrie ein gesundes, wohlschmeckendes und exportierbares Produkt ersonnen hat. Weetabix ist im Prinzip dasselbe wie Brinta, wird allerdings in Brikettform verkauft. Wenn ich mich zwischen beiden entscheiden müsste, würde ich Weetabix wählen, aber Brinta ist eine akzeptable Alternative. Der Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern ist hier ein gleitender: Erwachsene sollen das Zeug in die Milch werfen und sofort essen, für Kinder lässt man es einweichen und macht einen Brei daraus. Side note: Die in den USA erhältlichen Weetabixe werden in Kanada hergestellt und sind weniger süß als die in England für den europäischen Markt gepressten. Was das bedeuten soll, verstehe ich auch nicht.
Mit dieser Aufstellung ist der Cereal-Markt natürlich nicht mal ansatzweise umrissen. Selbst wenn man alle langweiligen, gezuckerten, schokolierten oder mit Honig ummantelten Flocken und Müslis aussortiert, bleibt noch viel zu probieren. Für Vorschläge bin ich dankbar.