2 Caesar und der Aufstieg Octavians

Die Unmöglichkeit der Situation war jedem in Rom klar. Caesar versuchte einen Neuanfang: das 1. Triumvirat 60 mit Pompeius und Crassus sollte die persönliche Machtstellung seiner Mitglieder gegenüber dem Senat befestigen. Caesar band sein Heer so stark an sich, daß er mit seiner Hilfe Konkurrenten ausschalten und die Republik umstoßen konnte. 49 v. Chr. zog er gegen Rom, bis 45 v. Chr. hatte er sämtliche Gegner ausgeschaltet, sie aber nicht wie Sulla physisch vernichtet.

Anders als Pompeius, der eine herausgehobene Stellung innerhalb der bestehenden Ordnung angestrebt hatte, wollte Caesar auch die offizielle Macht. In der Mitte des 1. Jahrhundert v. Chr. war es allerdings für diesen Schritt noch zu früh, die republikanischen Formen waren noch nicht völlig inhaltsleer geworden. Caesars Ernennung zum dictator perpetuus und die Verneinung der Republik waren die Gründe für sein Scheitern und seine Ermordung am 15. März 44 v. Chr. durch eine Gruppe von Senatoren unter Marcus Junius Brutus, Gaius Cassius Longinus, Decimus Brutus und Gaius Trebonius. Er hatte nach Christian Meier zwar „Macht in den Verhältnissen, aber nicht über die Verhätlnisse“. (Die Ohnmacht des allmächtigen Diktators Caesar). Erst 27 v. Chr. gelang es Augustus die Republik unter Wahrung der Form abzuschaffen. Zwischen 44 und 27 verlor die Republik Schritt für Schritt ihre Verbindlichkeit.

Zunächst fühlten sich die Caesarmörder allerdings im Einklang mit der Volksstimmung. Sie waren nach der Tradition moralisch und juristisch legitimiert, einen Tyrannen zu ermorden und erwarteten einen allgemeinen Jubel über die wiedergewonnene Freiheit. Dabei hatten sie übersehen, daß Caesar trotz der kurzen Zeit seiner Alleinherrschaft eine große Klientel aus Veteranen, Soldaten, Senatoren und stadtrömischer Plebs an sich gebunden hatte, die ihm viel verdankten und die seinen Tod nicht gerade begeistert zur Kenntnis nahmen.

Cicero schrieb in einem Brief, der Mord sei mit männlichem Mut, aber mit kindlicher Überlegung durchgeführt worden. Die Umstände, die Caesar an die Macht getragen hatten, waren unverändert und die Republik ließ sich durch seinen Tod nicht wieder aufrichten. An den entscheidenden Positionen saßen Caesarianer, unter ihnen der Kollege Caesars im Konsulat 44 v. Chr., Marcus Antonius, Caesars Nachfolger als Konsul, Cornelius Dolabella, und Marcus Aemilius Lepidus, Caesars magister equitum, der über Truppen in Roms unmittelbarer Umgebung verfügte. Die Mörder waren zur Anerkennung dieser Männer moralisch gezwungen, weil sie als Verteidiger der Republik schlecht gegen amtierende Magistrate vorgehen konnten.

Sueton zitierte später aus einer Schrift Caesars, dessen Überleben sei nicht für ihn selbst, sondern vor allem für den Staat wichtig: eine ausdrückliche Nachfolgeregelung hatte Caesaraus ideologischen Gründen nicht treffen können: seine Position war auf seine persönliche Autorität und Macht begründet und ließ sich mit viel gutem Willen noch als republikanisch bezeichnen, die Benennung eines Nachfolgers hätte dagegen eindeutig monarchische Züge getragen. Die Situation war also offen und für die Caesarmörder alles andere als angenehm. Sie hatten die verhaltene Reaktion auf ihre eigene Propaganda mit einer echten politischen Stimmung verwechselt und sahen sich nun einer feindlich gesinnten Öffentlichkeit gegenüber.

Brutus, einer der Caesarmörder, konnte eine geplante flammende Rede im Senat nicht halten, weil die Senatoren geflohen waren. Am nächsten Tag ließ Lepidus die Stadt besetzen. Antonius hatte sich in der Nacht in den Besitz von Caesars Vermögen und dessen Papieren gebracht. Er versuchte, sich als Führer der Caesarianer zu etablieren, was ihm zunächst auch gelang.

In der Senatssitzung vom 17. März unter Leitung des Antonius wurde neben einer Amnestie für die Mörder auch die Anerkennung der acta Caesaris, die sich in Antonius’ Besitz befanden, beschlossen. Die Gültigkeit der Anordnungen Caesars bedeutete den Verlust der moralischen Legitimation der Mörder, auch wenn sie juristisch nicht mehr belangt werden konnten. Außerdem wurde die Diktatur „für alle Zeiten“ abgeschafft. Obwohl Antonius’ Position durch diesen Kompromiß gestärkt wurde, war er auch gefährlich: die Veteranen, ergebene Anhänger Caesars, betrachteten die „Rache für Caesar“ als Gebot der pietas, der Treue gegenüber ihrem Feldherrn. Antonius’ Taktik der vorsichtigen Distanzierung wirkte auf sie wie ein Treuebruch.

Es gab keine Neuwahlen für das Konsulat, der designierte Konsul Dolabella trat am 18. März sein Amt an, Lepidus wurde zum Pontifex maximus gewählt. Antonius sollte bald nach Makedonien, wo sechs Legionen für den Partherfeldzug Caesars bereitstanden, abreisen, Dolabella wollte nach Syrien gehen. Die Caesarmörder verließen Rom, begaben sich aber noch nicht in die Provinzen, die einige von ihnen zu verwalten hatten. Decimus Brutus, ein Anhänger der Caesarmörder, hatte die politisch wichtigste Provinz, Gallia Cisalpina in Norditalien, von der aus auch Caesar auf Rom marschiert war. Weitere zentrale Provinzen waren dagegen in der Hand der Caesarianer: Asinius Pollio hatte Spanien, Lepidus die Gallia Narbonensis, Munatius Plancus die Gallia Comata. Wegen der unklaren Machtverhältnisse versuchte man, sich zu arrangieren.

Zu diesem Zeitpunkt trat Gaius Octavius (heute Octavian genannt), der Großneffe und Adoptivsohn Caesars, auf. Er war 63 v. Chr. in Velitrae als Angehöriger einer ritterlichen Familie geboren worden. Sein Vater, Gaius Octavius, hatte es allerdings bis zur Prätur und zu einem Statthalterposten in Makedonien gebracht. Ob Caesar mit der Adoption politische Absichten verband, ist unklar. Auf jeden Fall sollte Octavius ihn auf dem Partherfeldzug begleiten und hielt sich deshalb in Apollonia in Makedonien auf, als ihn die Nachricht vom Tod Caesars (10 Tage nach der Ermordung) erreichte. Seine Begleitung forderte ihn auf, das Kommando der makedonischen Legionen zu übernehmen und nach Rom zu marschieren.

Octavian lehnte dies ab und landete stattdessen mit einer Begleitung von politisch erfahrenen Vertrauten Caesars in Brindisi. Von Anfang an stellte er sich gegen jeden Kompromiß mit den Caesarmördern. Als er von der Adoption erfuhr, übernahm er feierlich die Pflichten seines Adoptivvaters, unter anderem die Auszahlung von 300 Sesterzen an jeden römischen Bürger. Weil Antonius die Herausgabe des caesarianischen Vermögens verweigerte, mußte Octavian diese gewaltige Summe aus eigener Tasche aufbringen (lediglich die Kriegskasse Caesars stand ihm zur Verfügung). Er zeigte damit eine vorbildliche Haltung bei der Erfüllung der pietas. Durch Arrogation nahm er außerdem den Namen Gaius Julius Gaii Filii Caesar an und bekräftigte seinen Anspruch auf die Nachfolge. Er hatte schnell erkannt, worin seine einzige Chance lag: er mußte alle Anhänger Caesars auf seine Seite bringen. Allerdings konnte er sich mit Propaganda allein nicht durchsetzen, er brauchte reale Machtmittel.

Antonius wurde der Oberbefehl über die Gallia Cisalpina und die Gallia Comata, die strategisch wichtigsten Provinzen, für das Jahr 43 übertragen, er sollte allerdings die nach Italien zurückgekehrten makedonischen Legionen behalten.

Als Privatmann war es Octavian eigentlich unmöglich, einen Heeresbefehl zu bekommen, ohne die Verfassung zu verletzen. Trotzdem zog er im Oktober 44 nach Kampanien, wo viele Veteranen Caesars siedelten und rekrutierte aus eigenen Mitteln ein Heer (wie Pompeius vor ihm). In den Res Gestae begründete er diese Maßnahme, mit einer Herrschaft (dominatio) einer bestimmten Gruppe über den Staat, zu deren Beseitigung alle Mittel legal seien. Damit argumentierte er genau wie seine erklärten Gegner, die Caesarmörder.

Antonius war mittlerweile nach Brindisi gegangen, um die makedonischen Legionen in Empfang zu nehmen. Die Werber Octavians boten hohe Summen, um die Truppen zum Überlaufen zu bewegen, aber Antonius konnte zwei der vier Legionen halten. Die Verbindung von Bezahlung und Gefolgschaft war für die kommende Zeit bis weit in die Kaiserzeit bestimmend. Neben der finanziellen Seite war auch eine geschickte Propaganda notwendig, um die eigene Gefolgschaft zu verstärken.

Während Octavian in Rom blieb, zog Antonius im Herbst 44 mit den verbleibenden Truppen in die Gallia Cisalpina, um seinen Posten anzutreten. Decimus Brutus, einer der Caesarmörder und amtierender Statthalter, verweigerte die Übergabe und wurde von Antonius in Mutina eingeschlossen. Der Senat distanzierte sich von Antonius und erklärte ihm im Februar 43 formell den Krieg. Es kam zu einem Bündnis zwischen dem Senat unter Cicero, der auf Octavians Truppen gegen Antonius angewiesen war, und Octavian, der seine illegale Stellung auf Dauer nicht durchhalten konnte. Er erhielt für seine militärische Unterstützung ein imperium im Rang eines Proprätors und einen Sitz im Senat im Rang eines Konsulars. Auch die Verteidiger der traditionellen Republik bedienten sich also revolutionärer Methoden.

Bei Mutina wurde Antonius im April 43 von einem vereinigten Heer unter den Konsuln Hirtius und Pansa und Octavian geschlagen. Er floh in die Gallia Narbonensis und wurde von Octavian nicht verfolgt, weil der Senat in Rom mittlerweile dessen Entmachtung betrieb: Sextus Pompeius, der mit einer starken Flotte ein illegales Kommando auf Sizilien hatte, wurde als Praefectus classis legitimiert (ein Gegengewicht zu Octavian) und Decimus Brutus (statt Octavian) als Sieger von Mutina gefeiert. Die Belohnung für Octavians Soldaten sollte durch eine Senatsgesandtschaft ausgezahlt werden. Octavian forderte das Konsulat für sich und (als Ausgleich) für Cicero. Auf die Weigerung des Senats marschierte er mit acht Legionen nach Rom und setzte die Wahl des Quintus Pedius und seiner selbst zum Konsul durch. Die kurz darauf eingebrachte lex Pedia betraf die Einrichtung von Sondergerichtshöfen gegen die Caesarmörder, die Amnestie und damit der Kompromiß vom 17. März waren also gebrochen.

Im Westen hatte sich Antonius mittlerweile konsolidieren können: Pollio, Lepidus und Plancus hatten sich mit ihm verbündet, Decimus Brutus war nach dem Verlust seiner Legionen an Antonius auf der Flucht ermordet worden. Mit 20 Legionen zog er nach Italien und traf sich mit Octavian und Lepidus im November 43 bei Bononia, wo sie das 2. Triumvirat bildeten. Im Unterschied zum 1. Triumvirat hatte diese Bündnis einen offiziellen Auftrag: die Wiederherstellung der Republik. Die Rache für Caesar wurde gemeinsame Parole, Antonius und Octavian sollten den Feldzug gegen Brutus und Cassius im Osten führen, während Lepidus das Triumvirat in Rom repräsentierte.

Antonius erhielt die Gallia Cisalpina und Comata, Lepidus die Gallia Narbonensis und Spanien, Octavian Afrika, Sizilien, Korsika und Sardinien. Während Octavian auf seine Provinzen keinen Zugriff hatte (ein Caesarmörder amtierte in Afrika, Sextus Pompeius kontrollierte die Inseln), konnten seine Kollegen über ihre Gebiete frei verfügen. Octavians Position innerhalb des Triumvirats war damit zunächst die schwächste.

Die Triumvirn griffen wieder zum Mittel der Proskriptionen, allerdings anders als Marius und Sulla nicht aus politischen Motiven, sondern um den Krieg im Osten finanzieren zu können. Jeder Triumvir konnte autonom Listen aufstellen und Kopfgelder aussetzen. Im Zuge der Massenmorde wurden 300 Senatoren, unter ihnen auch Cicero, und 2000 Ritter getötet. Der vorgeschobene Grund war die Ausnutzung der Güte Caesars durch seine Mörder: eine ähnliche Situation sollte angeblich verhindert werden. Trotz der Proskriptionen blieb die Finanzierung des Feldzugs schwierig, die Steuer (tributum) in Italien mußten wieder eingeführt werden.

Durch diese personelle Revolution wurde die Rückkehr zur Republik noch unwahrscheinlicher: die gesamte republikanische Ideologie basierte auf der Tradition und der Berufung auf die alten Sitten. Mit den Senatoren verschwand auch die Möglichkeit, sich auf ihren Rat zu beziehen. Die nachfolgenden Senatsmitglieder konnten viel leichter im Sinne einer neuen Staatsform beeinflußt werden.

Die nächsten Schritte bezogen sich auf die drängende Veteranenversorgung. 18 italische Städte in der Poebene und in Kampanien wurden für die Übergabe an das Heer ausgewählt, mit dem auch die entstehenden Unruhen unterdrückt wurden. Die außeritalische Kolonisation war noch nicht akzeptiert.

Caesars offizielle Divinisierung ermöglichte Octavian einen weiteren propagandistischen Erfolg: er benannte sich um in Gaius Julius Divi Filius Caesar, später nahm er auch noch den Titel Imperator als Pronomen an. Er hieß nun bis 27 v. Chr. Imperator Caesar Divi Filius und überragte damit namentlich alle anderen Menschen.

Währenddessen herrschten die Caesarmörder Brutus und Cassius im Osten und bereiteten sich ebenfalls auf den Krieg vor. Sie erhoben gewaltige Steuern in den Provinzen und eroberten Rhodos (Cassius erbeutete 8.000 Talente). Wie die Triumvirn prägten auch sie ihr Bild auf Münzen. In den Methoden unterschieden sich die Gegner also nur wenig.

Im Oktober 42 kam es bei Philippi in Makedonien zur Entscheidungsschlacht: Antonius besiegte Cassius auf dem rechten Flügel, Cassius beging Selbstmord, Brutus blieb auf dem linken Flügel gegen Octavian siegreich. Im November konnte Antonius auch Brutus besiegen und damit die letzten Hoffnungen auf eine Rückkehr zur Republik vernichten. Aber auch bei einem Sieg Brutus’ wäre die alte Republik nicht mehr funktionsfähig gewesen: ihre Führung war ermordet und das Volk hatte sich an die neuen Verhältnisse gewöhnt.